Buchtipp des Monats von Erich Kirchler

In seinem aktuellen Buch "Economic Psychology" fragt Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler u.a., ob reiche Nationen glücklicher sind als jene, deren Bruttonationalprodukt gering ist. Einen persönlichen Buchtipp für unsere LeserInnen hat der Wissenschafter auch parat.

uni:view: Kürzlich ist Ihre Publikation "Economic Psychology" erschienen. Können Sie kurz die wesentlichen Inhalte und ihre Bedeutung skizzieren?
Erich Kirchler: Spätestens seit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften an den Psychologen Daniel Kahneman 2002 ist klar, dass psychologisches Wissen in der Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Fragestellungen von hohem Interesse ist. Vor wenigen Monaten ist auch Richard Thaler für seine innovativen Arbeiten zur Verhaltensökonomie mit dem sogenannten Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Verhaltensökonomie basiert vor allem auf sozialpsychologischen Erkenntnissen. Der eben erschienene Band "Economic Psychology" trägt der wachsenden Bedeutung der Wirtschaftspsychologie nun Rechnung und bietet den LeserInnen einen fundierten Überblick über die schillernden Erkenntnisse.

In zehn Kapiteln werden die Grundlagen der ökonomischen Psychologie mit vielen Beispielen dargestellt. Nach der Beschreibung der Entwicklung dieses interdisziplinären Fachs wird die Dynamik ökonomischer Entscheidungen im Haushalt, in Betrieben, auf Märkten und im Staat erörtert. Ökonomische Entscheidungen können intuitiv, nach dem "Bauchgefühl" getroffen werden oder nach langwierigem Abwägen von Vor- und Nachteilen verschiedener Optionen. Entscheidungen in komplexen Situationen werden selten rational getroffen und meist wird nicht die beste aller möglichen Alternativen gewählt. Wir sind wankelmütig, lassen uns von Gefühlen beeinflussen und sind in Gewinnsituationen risikoscheu. Geht es hingegen um drohende Verluste, handeln wir oft zu riskant. Das Buch informiert über "financial literacy" von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und spannt einen Bogen von Konsumgütermärkten über Arbeitsmärkte zur Psychologie an der Börse. Ein Kapitel ist der Kontraproduktivität gewidmet: der Schattenwirtschaft, Schwarzarbeit und der Steuerhinterziehung. Schließlich wird die Frage gestellt, ob Wirtschaftswachstum und Wohlstand mit der Zufriedenheit der BürgerInnen korreliert und ob reiche Nationen glücklicher sind als jene, deren Bruttonationalprodukt gering ist.

uni:view: Wirtschaft und Psychologie. Wie passt dieses auf den ersten Blick scheinbar ungleiche Paar zusammen?
Kirchler: Psychologie wird allgemein als die Lehre menschlichen Erlebens und Verhaltens beschrieben. In den Wirtschaftswissenschaften wird hingegen untersucht, wie Menschen Entscheidungen treffen, wenn die Ressourcen, die zum täglichen Leben benötigt werden, knapp sind und nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden können. In beiden Disziplinen geht es um Menschen, um deren Bedürfnisse und Erfahrungen, Bewertungen und Präferenzen, um Wissen, Können und Handeln.

Zahlreiche Themen sind in gleichem Maß für die Psychologie und für die Wirtschaft attraktiv. Um wirtschaftliche Entscheidungen und Handlungen von Einzelnen oder Gruppen, von Haushalten, Märkten oder dem Staat zu verstehen, ist es wichtig, auch die Psychologie der Menschen zu verstehen. Umgekehrt entwickeln ÖkonomInnen Theorien und Modelle, die auch in der Psychologie Beachtung gefunden haben und sich beispielsweise in Motivations- und sozialen Austauschtheorien wiederfinden.

uni:view: Steuer-Psychologie ist einer Ihrer Schwerpunkte, der gut zu unserer aktuellen Semesterfrage "Was ist uns Demokratie wert?" passt. Wo sehen Sie die Korrelationen?
Kirchler: Noam Chomsky meint, in einer Demokratie soll der Tag, an dem die Steuern gezahlt werden, als Freudentag gefeiert werden, weil es gelungen ist, sich auf gemeinsame Ziele zu einigen und einen Beitrag leisten zu können, so dass wir in der Gemeinschaft besser leben. Dass wir den Tag, an dem die Steuern fällig sind, jedoch nicht als Freudentag erleben, zeigt sich oftmals in hitzigen Diskussionen am Stammtisch. Die Frustration über zu viele Abgaben und zu hohe Steuern drückt sich aber auch gelegentlich in geschulten Meinungen aus, wenn der Staat als Kleptokratie ("Herrschaft der Plünderer", Anm. d. Red.) beschimpft und Steuern als legaler Diebstahl tituliert werden.

Demokratie meint "die Herrschaft des Volkes"; freie Wahlen, Verfassung und Grundrechte, Gewaltenteilung, Meinungs- und Pressefreiheit, Informationen zur politischen Willensbildung und Konsens bei Rücksicht auf Minderheiten und Opposition sind ihre zugrundeliegenden Werte. Dann stellt sich ganz wesentlich die Frage nach den Voraussetzungen kooperativen Umgangs zwischen staatlichen Autoritäten und BürgerInnen. In den Studien zur Steuerpsychologie gelang es uns, durch die Kombination ökonomischer und psychologischer Erkenntnisse ein Rahmenmodell zur Erklärung und Förderung eines positiven Interaktionsklimas zu entwickeln. Das "Slippery Slope Framework" sieht vor, dass das förderliche Miteinander zwischen Autoritäten und BürgerInnen gestärkt wird, wenn die Behörden professionell ihre legitimierte Macht ausüben und faire Verfahren garantieren. Das Vertrauen in die Behörden ist Voraussetzung für wirksame Machtausübung und wird durch professionelle Machtausübung weiter gefördert. Das Vertrauen kann auch durch Instrumente des Zwanges zur Einhaltung der Gesetze zum Schutze der kooperierenden Mehrheit weiter gestärkt werden. Wenn Behörden professionell tätig sind, differenziert vorgehen und ihre harsche Macht gezielt auf jene richten, die als TrittbrettfahrerInnen der Gemeinschaft schaden, dann steigt das Vertrauen der BürgerInnen in die staatlichen Autoritäten.

uni:view: Wie beantworten Sie persönlich unsere Semesterfrage "Was ist uns Demokratie wert?"
Kirchler: Demokratie muss uns jede Anstrengung wert sein, wenn uns Gemeinschaft und Freiheit wichtig sind. Ich kenne keine Staatsform, die besser als die Demokratie unsere Grundrechte als hohe Werte anerkennt und verteidigt. Allerdings scheint mir, dass wir vergessen haben, dass unsere Werte nicht selbstverständlich sind, sondern von uns ständig vertreten und eingemahnt werden müssen. In einer Welt, wo konkurrierende Informationen oft ohne erkennbare sachliche Grundlage von zweifelhaften Autoritäten verkündet werden, ist es schwer sich zu orientieren. Wie oft bewahrheiten sich die Erkenntnisse der wirtschaftspsychologischen Entscheidungsforschung, wonach wir komplexe Bedingungen vereinfachen und oft jenen selbsternannten Autoritäten nachlaufen, die eine einfache Lösung propagieren. Von Karl Kraus wissen wir, dass in Zeiten, wo die Sonne der Kultur tief steht, auch Zwerge lange Schatten werfen und George Bernhard Shaw soll gesagt haben, dass es für jedes komplexe Problem stets eine einfache Lösung gibt. Und die ist falsch!

Gewinnspiel! uni:view verlost 3x1 Bücherpaket bestehend aus:

1 x "Economic Psychology. An Introduction" von Erich Kirchler und Erik Hölzl
1 x "Solar" von Ian McEwan  

MITSPIELEN!

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Kirchler: Es würde mir leichter fallen, eine lange Liste von Empfehlungen abzugeben. Nicht ganz willkürlich wähle ich aus dieser Liste "Solar" von Ian McEwan aus dem Jahre 2010. Darin leitet der chaotische und neurotische Physiker und Nobelpreisträger Michael Beard ein Institut zur Erforschung des Klimawandels, wird nach zahlreichen Affären von seiner fünften Frau verlassen und schiebt den Tod seines Assistenten bei einem Unfall in seinem Haus einem Handwerker in die Schuhe. Schließlich startet er mit den Forschungsergebnissen des Assistenten eine neue Karriere. Nicht nur die Geschichte begeistert, vor allem auch der Erzählstil und ganz besonders die Symbolik zur Rettung der Welt.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Kirchler: Ein fesselndes Meisterwerk: lustig, listig, böse und berührend. Höchste Erzählkunst, brillanter Stil.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?  
Kirchler: Es bleibt Leichtigkeit; auch Freude, in eine Welt eingetaucht zu sein, die phantastisch ist, Figuren gefolgt zu sein und verfolgt zu haben, die scharfe Charakterzeichnungen sind und die Trauer, nach der letzten Seite diese Welt verlassen zu müssen. Allerdings bleibt auch die Vorfreude auf die nächsten Bücher: "Honig", "Kindeswohl" oder "Nussschale", und auf jene früher erschienenen, die noch am Lesetisch liegen: "Am Strand", "Saturday" oder die großartige "Abbitte". (td)

Erich Kirchler ist Vorstand des Instituts für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft an der Fakultät für Psychologie.