Buchtipp des Monats von Christian Danz und Jan-Heiner Tück

Die Publikation "Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen" beleuchtet die Bedeutung Luthers und der Reformation für den Katholizismus und Protestantismus aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Interview sprechen die beiden Herausgeber über die Relevanz Luthers bis heute.

uni:view: Zum Reformationsjubiläum 2017 erschien kürzlich Ihr Buch "Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen". Was sind die zentralen Punkte des Buchs?
Christian Danz und Jan-Heiner Tück: Die Deutungen und geistesgeschichtlichen Einordnungen der Reformation sind nicht nur zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen umstritten. Davon geht das Buch "Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen" aus. Es bietet, und das ist seine Besonderheit, einen Zugriff auf zentrale Themen der Reformation Luthers aus den sehr unterschiedlichen Blickwinkeln der römisch-katholischen und der protestantischen Theologie. Jedes Thema wird also gleichsam doppelcodiert präsentiert. Dem Leser erschließt sich auf diese Weise ein facettenreiches Panorama von Reformationsdeutungen.

uni:view: Welche Relevanz hat Martin Luther für das Selbstverständnis der Theologien heute?
Danz und Tück: Für die protestantische Theologie ist der Reformator ein grundlegender Bezugspunkt. Reformationsdeutung ist für den Protestantismus immer auch eine Art Selbst- und Identitätsvergewisserung. Macht man sich das klar, dann wird schnell deutlich, warum es nicht nur eine Vielfalt von Lutherbildern, sondern auch sehr unterschiedliche Auffassungen über die Bedeutung des Reformators für die gegenwärtigen Theologien gibt. Sinnvoll über die Relevanz, die Luthers Theologie für die Theologien im 21. Jahrhundert hat, lässt sich nur reden, wenn man die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Moderne im Blick hat. Die europäische Aufklärung hat viele der Voraussetzungen und Selbstverständlichkeiten, die Luther in seiner Neudeutung des Christentums voraussetzte, aufgelöst. Das betrifft das mittelalterliche Weltbild, aber auch so grundlegende Aspekte wie die Bibel, die von ihm als eine gleichsam objektive Wahrheitsinstanz in Anspruch genommen wurde.

uni:view: Vor welche Herausforderungen stellt die Reformation den Katholizismus?
Danz und Tück: Luther wollte die bestehende Kirche reformieren, aber keine neue bauen. Dass es dennoch dazu gekommen ist, hat nicht nur mit der scharfen Autoritätskritik des Reformators, sondern auch mit der auftrumpfenden Reformunwilligkeit der damaligen Hierarchie der katholischen Kirche zu tun. Dies ist allemal Anlass zu einer historischen und theologischen Selbstkritik. Luthers Gedanke, dass Gott alles, der Mensch aber nichts zu seiner Rechtfertigung beiträgt, provoziert bis heute die Rückfrage, ob Gott wirklich "an uns ohne uns" handelt, wenn er uns begnadigt. Die Frage nach dem Zueinander von Gnade und Freiheit durchzieht auch unseren Sammelband "Martin Luther im Widerstreit".

uni:view: Wie ist Martin Luthers Sicht auf das Judentum und den Islam kurz zusammen gefasst?
Danz und Tück: Luthers Sicht von Judentum und Islam, seine geradezu drastischen Ausfälle gegenüber beiden, sind durch und durch zeitgebunden und lassen sich angemessen nur in seinem eigenen geschichtlichen Kontext diskutieren. Der Reformator hatte sehr früh eine Art Universalargument entwickelt, welches er immer wieder in Stellung brachte und das aus der Auseinandersetzung mit der römischen Papstkirche entstammt. Für ihn ist die Bibel die grundlegende Entscheidungsinstanz in allen religiösen und theologischen Fragen. Wer sich über das Wort Gottes erhebt, wie es in der Bibel niedergelegt ist, der tue es dem Antichristen gleich, von dem es im zweiten Brief an die Thessalonicher heißt, er erhebt sich "über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott". Das ist sein für ihn sachliches Argument, welches er unterschiedslos gegen alle seine Gegner sowie den Islam und das Judentum vorbrachte.

Das Gewinnspiel ist bereits verlost. Doch die gute Nachricht: In der Universitätsbibliothek stehen die Bücher interessierten LeserInnen zur Verfügung:

1 x "Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen" von Christian Danz und Jan-Heiner Tück (Hrsg.)
1 x "Das Pfingstwunder" von Sibylle Lewitscharoff

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren Lesern und Leserinnen?
Danz und Tück: Sibylle Lewitscharoffs im Suhrkamp-Verlag erschienenen Roman "Das Pfingstwunder".

uni:view: Einige Gedanken, die spontan zu dem Buch einfallen?
Danz und Tück: Im Roman "Das Pfingstwunder" geschieht etwas, was eigentlich nicht geschehen dürfte: 33 Teilnehmer eines internationalen Dante-Kongresses werden in Rom just zu dem Zeitpunkt, als die Glocken des Petersdoms das Pfingstfest einläuten, von einer paradiesischen Drift erfasst und nach oben gerissen. Einer aber, der Frankfurter Romanistikprofessor und Durchschnittsagnostiker Gottlieb Elsheimer, bleibt sitzen – und muss mit ansehen, wie alle seine Kollegen, mit denen er bis gerade angeregt über die "Divina Commedia" diskutiert hat, himmelwärts entweichen. Das Problem ist nun, dass der einzige Zeuge nicht darüber reden kann, weil er befürchten muss, für meschugge gehalten zu werden. Wieder zurück in Frankfurt, beginnt der verstörte Elsheimer mit einem Journal. Wie einem Exegeten, der sich jahrzehntelang mit textkritischen Fragen der Heiligen Schrift beschäftigt, ohne zu merken, dass er selbst als Person angesprochen ist, schwant Elsheimer, dass die Fragen Dantes über den Abgrund der Zeiten hinweg auch seine Fragen sein könnten. Wäre es möglich, dass nicht nur er Dante liest und befragt, sondern umgekehrt auch Dantes Werk ihn und sein Leben befragt?

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Danz und Tück: Ein eigentümlicher Text-Sound. Der Roman inszeniert am Ende die jubilierende Himmelsdrift der 33 Dante-Forscher. Dabei wird die babylonische Sprachverwirrung zurückgenommen, wenn jeder in seiner Sprache jauchzt und gluckst, so dass sich ein polyphones Textgeflecht ergibt, in das vielfältige Dante-Splitter aus unterschiedlichsten Sprachen eingeflochten sind. Der Verdacht, dass das Jubilieren eine langweilige Sache sein könnte, wird bei Lewitscharoff durch wohlklingende Vokalevokationen und zischendes Konsonantenknistern ausgeräumt. Bei der Poetikdozentur "Literatur und Religion" an der Universität Wien hat die Autorin den Romanschluss selbst vorgelesen und eindrucksvoll demonstriert, welche Möglichkeiten die Sprache bietet.

Christian Danz ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Jan-Heiner Tück ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät.