Jubiläums-Ringvorlesung "Die Wiener Universität 1365-2015"

Die Universität Wien feiert 2015 ihr 650-Jahre-Jubiläum. Grund genug, eine Längsschnitt-Ringvorlesung anzubieten, die nahezu jedem Jahrhundert eine eigene Einheit widmet, aber den interdisziplinären Zugang und epochenübergreifende Darstellungen nicht zu kurz kommen lässt.

Die Universität Wien kann auf eine lange "Tradition" als Institution und Wissensraum zurückblicken. Das Prädikat Tradition wiegt schwer oder allenfalls behäbig, kann aber doch auch produktiv mittels kritischer Analyse für die Gegenwart genutzt werden. Denn jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist zugleich Teil eines ambitionierten Umgangs mit der Gegenwart. "Es ist wohl eine simple Aussage, wenn wir Voraussetzungen, die in der Vergangenheit wurzeln, als integrativen Teil des Universitätsalltags verstehen", so Marianne Klemun: "Denkt man an die heutige Zuordnung von Fächern zu bestimmten Fakultäten, die ihrerseits Forschungsausrichtungen bestimmen können."

"Tradition" und "Innovation"

Es muss Anspruch einer auf Wissensvermehrung ausgerichteten Institution sein, diese Traditionen zu kennen, sich damit zu konfrontieren oder diese Traditionen auch in Frage zu stellen, um "Innovation" beanspruchen zu können. "Dass wir 'Tradition' und 'Innovation' als zunächst gegensätzlich gedachte Schlüsselbegriffe für den Titel der Ringvorlesung wählten, ist durchaus auch einer kritischen Diskussion dieser beiden geschichtsträchtigen Metaphern und ihres Verhältnisses zueinander geschuldet. Uns liegt nicht so sehr an einer gegensätzlichen Zuschreibung von Alt versus Neu, Kontinuität versus Bruch, Vorgegebenem versus revolutionärem Fortschritt, sondern an einem Verständnis dieses Verhältnisses", so Marianne Klemun.

Eine Universität ist kein Elfenbeinturm, wird oft leichtfertig formuliert. Universität versteht sich vielmehr als Ort der Konfrontation oder des Zusammenwirkens unterschiedlichster Ebenen und Institutionen: Es sind verschiedene politische Kräfte, unterschiedlichste partizipierende Gruppen – StudentInnen und ProfessorInnen – und organisatorische Reformkonzepte (wie auch verschiedene wissenschaftliche Fächergruppen), die in jeweils unterschiedlichen Modifikationen und Konstellationen aufeinandertreffen oder sich überlagern.


TIPP: Durch 650 Jahre Universität Wien touren
Im Jahr 2015 feiert die Universität Wien ihren 650. Geburtstag. Im Blog "uni-fiction" wird die Geschichte der Universität Wien aus der Sicht von fiktiven Studierenden lebendig.



Spannungsfeld von Hof, Stadt und Kirche
 
Was sind nun die konkreten Themen der Ringvorlesung? Im Unterschied zu heute musste sich die Universität Wien in der Gründungs- und Etablierungsphase im 14. Jahrhundert im Spannungsfeld von Hof, Stadt und Kirche behaupten. Italienische Innovationen beeinflussten die Universität in der Folgezeit. Solche Kulturtransfers prägten die inhaltlichen Schwerpunkte innerhalb einer Gruppe, die sich als "Humanisten" verstanden. Dem bestimmenden Einfluss einzelner Orden (etwa die Jesuiten) auf die Universität und dem Gegensatz zu protestantischen Einrichtungen ist ebenfalls eine Einheit gewidmet. Die Frage, wie sich die Universität zwar aus den Fängen der Kirche befreite, sich aber in jene des Staates infolge der Aufklärung begeben musste, findet breitere Erörterung.

Einfluss auf die Peripherie


Die Lokalitäten und die Gebäude, welche die Universität für sich im Wandel beanspruchte, werden in ihrer Formensprache deutlich – etwa verkörpert im theresianischen Neubau, heute Gebäude der Akademie der Wissenschaften. Anhand des architektonischen Neubaus an der Ringstraße und mit einer "vorbildlosen Ikonographie" wird der Einfluss der Universität Wien auf die Peripherie thematisiert.

Das Spannungsverhältnis von Architektur-Form und ihrer Kommunikation sind als Begegnungskriterien für die Diskussion von Öffentlichkeit von Interesse. Der Blick auf die wohl maßgeblichste Reform der Universität in der Mitte des 19. Jahrhunderts wird nicht nur aus der institutionellen Innenbestimmung, sondern der politischen Kultur der Zeit heraus entwickelt. Politik und Wissensorganisation sind Kräfte, deren gegenseitige Abhängigkeit besonders in Krisenzeiten (1918 – 1938 – 1945) exemplarisch zu studieren sind.


Im aktuellen Wintersemester hat das Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien mit rund 10.000 Lehrveranstaltungen wieder viel zu bieten! Wer noch etwas Platz im Stundenplan und Freude an Perspektivenvielfalt hat, der kann noch die eine oder andere Ringvorlesung besuchen.



Zunehmende Selbstorganisation


Grenzen zwischen den Fächern oder großen Fächergruppen – wie den Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften – lassen sich in einer Längsschnittbetrachtung einerseits als durchlässig, andererseits als allmähliches Konkurrenzverhalten einordnen. Die Zulassung von Frauen zu unterschiedlichen Fakultäten und ihre zunehmende Partizipation in der Selbstorganisation der Universität werden als Aushandlungsprozess zwischen Gesellschaft und Genderfragen diskutiert. Mit der kritischen Behandlung eines erstarrten Images "des Studenten" wie auch der Figur des "verehrten" Professors werden öffentliche wie auch interne Bilder in ihrem Wandel und Bezug auf "erfundene Tradition" wie auch "Innovation" hinterfragt.

Gang durch die Jahrhunderte


Ob die Universität ein "Biotop" ist, das vielen Spezies Nahrung bietet, wird ebenfalls thematisiert. "Die Vorlesungsreihe betont die lange Tradition der Universität, die aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit kommt, aber in die Zukunft blicken soll und an der Universität ein zeitgemäßes Angebot für Studierende bieten soll", so Martin Scheutz.

Der Gang durch die Jahrhunderte, wie er in der Ringvorlesung unternommen wird, bietet die Chance, "Tradition" und "Innovation" voneinander abhängig im jeweiligen "Alter" der Universität zu verorten. Die Ringvorlesung erhebt den Anspruch, Studierende mit unterschiedlichen, tieferliegenden "Zeitschichten" zu konfrontieren und sie kritisch auf ein in die Zukunft gerichtetes Jubiläum vorzubereiten.

Die AutorInnen Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Marianne Klemun und ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Martin Scheutz forschen und lehren am Institut für Geschichte der Universität Wien.

Ringvorlesung "Die Wiener Universität 1365-2015. Tradition als Innovation und Ort der Begegnung"
LV-LeiterInnen: Marianne Klemun und Martin Scheutz
Erster Termin: 10. Oktober 2014
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