Was macht Sprache mit unserer Wahrnehmung?

Sprachen sind für die zwischenmenschliche Kommunikation unerlässlich. Doch wie beeinflusst Sprache unser Denken, unsere Aufmerksamkeit und unsere Erinnerung? Das untersuchen PsychologInnen und LinguistInnen der Universität Wien in einem aktuellen Projekt.

Wir artikulieren unsere Gedanken häufig mit Sprache. Daher liegt der Verdacht nahe, dass Sprache das Denken beeinflusst. Dieser Überlegung gehen WissenschafterInnen der Universität Wien nach. Der Kognitionspsychologe Ulrich Ansorge erforscht etwa die visuelle Aufmerksamkeit des Menschen, während die Psycholinguistin Soonja Choi sich in ihrer Forschung mit der Sprachentwicklung des Menschen befasst.

In ihrem gemeinsamen WWTF-Projekt "How language shapes perception and cognition: A contrastive study of space and evidentiality in German and Korean" richtet ein internationales Team um die zwei ForscherInnen das Augenmerk auf die Schnittmenge ihrer beiden Schwerpunkte. "Unser Untersuchungsgegenstand sind mögliche unterschiedliche Denkmuster von Deutsch und Koreanisch sprechenden Personen, die auf ihre verschiedenen Sprachen zurückzuführen sind", berichtet Projektleiter und Psychologe Ulrich Ansorge.

iCLAP (Cognition, Language And Perception) heißt das Forschungsprojekt unter der Leitung von Ulrich Ansorge und Soonja Choi. Das internationale Team setzt sich aus PsychologInnen und LinguistInnen der Universität Wien, der Konkuk University Seoul und der Dongguk University Seoul (beide Südkorea) zusammen. (Foto: Universität Wien)

Ein Heiratsantrag – zwei Perspektiven

Das Vorhaben der WissenschafterInnen lässt sich anhand eines Beispiels verdeutlichen: Eine Koreanerin und eine Österreicherin werden Zeuginnen eines Heiratsantrags. Doch leider passt der Verlobungsring nicht – er ist etwas zu klein für den Ringfinger. Zuhause berichten sie ihren Familien von dem Erlebnis.

Auf Koreanisch erzählt sich die Geschichte allerdings anders als auf Deutsch: Die koreanische Sprache beschreibt allein mit dem Verb "kkita", ob der Ring bündig mit dem Finger abschließt oder nicht. Auf Deutsch verwendet man dafür adverbiale Umschreibungen, die aus mehreren Wörtern bestehen, wie beispielsweise "zu eng".

Der Einfluss der Sprache auf nonverbale Wahrnehmung

Koreanisch sprechende Personen legen durch ihre Sprache ein Augenmerk auf die räumliche Umschließung von Objekten, doch sie unterscheiden in ihrer Sprache nicht, ob der Ring auf den Finger oder der Finger in den Ring gesteckt wird. Die Bewegung rückt sprachlich in den Hintergrund. Im Gegensatz dazu differenziert das Deutsche mithilfe von Präpositionen wie "auf" oder "in" genau diese Fälle, die es im Koreanischen nicht gibt: Der Ring wird auf den Finger gesteckt (Ring bewegt sich) oder der Finger wird in den Ring gesteckt (Finger bewegt sich).

"Koreanisch und Deutsch sprechende Menschen beschreiben also dieselbe Situation auf unterschiedliche Art und Weise, mit mehr Augenmerk auf Bewegung oder auf räumlichen Abständen. Wir erforschen, ob und wie dies auch ihre Wahrnehmung beeinflusst", erklärt Psycholinguistin und Projektleiterin Soonja Choi.

"Unsere Forschungsbereiche ergänzen sich bei diesem Projekt hervorragend", berichtet Soonja Choi. Während sie von Ulrich Ansorges Expertise in der Erforschung der visuellen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit profitiert, kann der Kognitionspsychologe auf ihre langjährige psycholinguistische Erfahrung bauen. (Foto: Universität Wien)

Ort der Informationsquelle

Neben der räumlichen Wahrnehmung analysieren die ForscherInnen einen weiteren Bereich: die sogenannte Evidentialität der Erlebnisse. Diese beschreibt den Ort, den Personen als Informationsquelle angeben. Wieder unterscheiden sich die Sprachen: Während im Deutschen anhand von Umschreibungen zwischen tatsächlich erlebten und nur vom Hörensagen bekannten Ereignissen unterschieden wird, verlangt das Koreanisch diese Unterscheidung zwingend. Sollten koreanischsprachige Menschen eine andere Wahrnehmung besitzen als deutschsprachige, könnten sie sich beispielsweise überzeugter oder sicherer über die tatsächliche Quelle ihrer Gedächtnisinhalte sein. 

Forschung in Wien und Seoul

Um den Wahrnehmungsprozessen auf den Grund zu gehen, führt das Forschungsteam Untersuchungen mit Personen in Österreich und Südkorea durch, die jeweils nur einer der beiden Landessprachen mächtig sind. Mit nonverbalen, visuellen Reizen wird in Wien und Seoul getestet, wie die ProbandInnen räumliche Nähe wahrnehmen. Zudem werden ihr Erinnerungsvermögen und die Art und Weise, wie sie Information aus dem Gedächtnis abrufen, untersucht. 

Eine der Herausforderungen, die die WissenschafterInnen bereits bewältigt haben, ist die Konstruktion der für die Untersuchungen passenden Reize. "Missverständliche Reize könnten das Ergebnis verfälschen. Daher war es wichtig, die Eigenheiten der deutschen und der koreanischen Ausdrucksweise vorab zu analysieren", erklärt Ulrich Ansorge.

Eine jahrhundertealte Streitfrage

Bereits in den vergangenen beiden Jahrhunderten stritten sich WissenschafterInnen diverser Disziplinen darüber, welchen Einfluss unsere Sprache auf unser Denken hat. Bis zum heutigen Tag konkurrieren zwei Ansätze miteinander, die den Zusammenhang zwischen Wörtern und Gedanken sehr unterschiedlich erklären.

Die eine Theorie baut auf einer Weiterentwicklung der rund 70 Jahre alten Sapir-Whorf-Hypothese auf, die besagt, dass Sprache das Denken formt – beispielsweise die Aufmerksamkeit, die Erlebtem geschenkt wird, und die Erinnerung an Geschehenes. Dem stehen die VerfechterInnen der modularen Theorie entgegen: Ihnen zufolge sind Denkleistungen eine universelle Fähigkeit, die unabhängig von Sprachen und deren Grammatik entsteht.

Zwar erkennen beide Theorien an, dass ein gewisses Zusammenspiel zwischen Sprache, Wahrnehmung und Denken (oder allgemeiner: den Erkenntnisfunktionen, der Kognition) existiert, jedoch bleibt die Frage, ob Sprache einen Einfluss auf nicht verbalisierte Gedanken ausübt, bislang weiterhin unbeantwortet.

Das Forschungsteam um Ansorge und Choi hat es sich daher zum Ziel gesetzt, einen Schritt weiter zu gehen und sich der Beantwortung anzunähern: "Wir stellen uns die Frage, ob unsere sprachlichen Angewohnheiten auch Einfluss auf Teile der Kognition haben, die bislang als fest verdrahtet galten. Auf diese Weise möchten wir ermitteln, ob sich auch Leistungen, wie die Wahrnehmung und das Erleben von Ereignissen, in Abhängigkeit der grammatischen Merkmale der vom Wahrnehmenden gesprochenen Sprache unterscheiden", so Ansorge.

Das WWTF-Projekt "How language shapes perception and cognition: A contrastive study of space and evidentiality in German and Korean" unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. Ulrich Ansorge, Professor für Kognitionspsychologie der Fakultät für Psychologie und Prof. Dr. Soonja Choi, Mitglied der Comparative Psycholinguistics Research Group der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, läuft von 1. Juni 2016 bis Mai 2019.