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Gletscher verstehen

Redaktion (uni:view)
19. Sep 12
Kirgistan ist wiederholt von Naturgefahren betroffen – erst kürzlich kam es zu einem Gletscherseeausbruch nahe der Hauptstadt Bishkek. Im Rahmen eines von der Universität Wien geleiteten EU-Projekts teilen internationale GletscherforscherInnen ihre langjährige Expertise mit kirgisischen KollegInnen.

Der Umweltgeowissenschafter Hermann Häusler von der Universität Wien leitet derzeit im Rahmen des EU-Projekts EURAS-CLIMPACT ein Team aus österreichischen, schwedischen und zentralasiatischen ForscherInnen. Ziel ist es, auf Grundlage umfangreicher hydrometeorologischer Daten neue Modelle des Abschmelz- und Abflussverhaltens von Gletschern in Österreich und Schweden zu entwickeln. Nach einer Evaluierung dieser Modelle in Europa sollen diese dann auch auf Zentralasien übertragen werden. Mit im Projektteam ist auch die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG): Unter der Leitung von Wolfgang Schöner werden die Auswirkungen des Klimawandels für unterschiedliche Szenarien in Zentralasien modelliert.

Wenn Naturgefahren zum Desaster werden

Das Forschungsvorhaben ist brandaktuell: Auch in den entferntesten Hochgebirgsregionen Zentralasiens wirkt sich der rapide Gletscherschwund direkt und indirekt auf die Bevölkerung aus. Indirekt deshalb, weil bei geringen Niederschlägen die über die Gletscherschmelze abfließenden Süßwasserreserven künftig nicht mehr ausreichend für die landwirtschaftliche Bewässerung in Tallagen zur Verfügung stehen werden. Direkt besonders dann, wenn durch den Rückzug des Gletschereises die Talflanken instabil werden und Felsstürze und Rutschungen Siedlungen und Infrastruktur bedrohen oder Dammbrüche moränengedämmter Gletscherseen Sturzfluten zur Folge haben. Besonders gefährdet ist die Bevölkerung, wenn Starkregenereignisse im Sommer mit einem Maximum an Gletscherschmelze zusammentreffen, was kurzfristig ungeheure Überschwemmungen zur Folge hat.
Bishkek, die Hauptstadt der kirgisischen Republik, ist seit Jahrzehnten wiederholt und in zunehmendem Maße von zahlreichen Naturgefahren, wie Überflutungen, bedroht. Zuletzt erfolgte ein Gletscherseeausbruch südlich der Millionenstadt Bishkek am 31. Juli 2012.


Nach amtlichen kirgisischen Quellen beträgt die jährliche Schadensumme, die aus Naturgefahren resultiert, etwa 11 Millionen US-Dollar, Tendenz steigend. Allein 2,6 Millionen US-Dollar mussten in Baitik für die Sanierung der im Jahre 2003 verursachten Hochwasserschäden aufgewendet werden. Im Bild: Erst durch einen hohen Feinstoffanteil aus den Hangmoränen erfolgt eine Mobilisierung kleinerer und dann größerer Granitblöcke aus dem Ak Sai-Tal, die dann zur Ablagerung von Schuttströmen im Ala Archa Nationalpark führen. (Foto: Hermann Häusler)



Im Projekt, das auch vom BMWF unterstützt wird, werden die bisherigen Auswirkungen dieser klimatisch verstärkten Naturgefahren analysiert, um deren Zunahme hinsichtlich Größenordnung (Magnitude) und Häufigkeit (Frequenz) zu beurteilen.Kirgistan: Workshop über Klimawandel und Naturgefahren

In diesem Rahmen veranstaltete das Department für Umweltgeowissenschaften der Universität Wien im August unter der Leitung von Hermann Häusler einen zweisprachigen Aus- und Fortbildungskurs in Bishkek. Das einwöchige Seminar mit dem Titel "Workshop on the assessment and mitigation of climate change induced geohazards – the Bishkek Case Study" wurde u.a. vom kirgisischen Staatssekretär und stv. Minister für Notstandssituationen Talaibek Timiraliev eröffnet. Den rund 25 Teilnehmern von vier kirgisischen Universitäten, VertreterInnen des Katastropenschutzministeriums und der Abteilung Ingenieurgeologie des Ministeriums für Rohstoffe wurden an drei Vortragstagen moderne Methoden des Gletscher-Monitoring und moderner Messungen der Massenbilanz präsentiert.

Für alle kirgisischen SeminarteilnehmerInnen neu war die intensive Geländearbeit zur Kartierung von Wildbachablagerungen auf der Basis von Satellitenkarten im Maßstab 1:1000 sowie die Prozessanalyse und Risikobeurteilung mittels Aufnahmeformularen unter der Leitung von Diethard Leber (Department für Umweltgeowissenschaften, Universität Wien).

Naturgefahren und Gender-Dimension

Einen sehr wichtigen Beitrag zur Risikobeurteilung bot Rahima Adieva in ihrem in russischer Sprache gehaltenen Vortrag über "Sozioökonomische Auswirkungen der bisherigen Überflutungen im Ala Archa Nationalpark". Die Ergebnisse ihres Vortrages basierten auf einer durchgeführten Befragung der von Überschwemmungen am meisten betroffenen Bevölkerung im Ortsteil Baitik (7.000 Einwohner), südlich der Millionenstadt Bishkek.


Gletscher hinterlassen nach ihrem Rückzug Moränenschutt, der Gletscherseen aufstaut. Bricht ein natürlicher Damm auf 3.600 Meter Höhe, dann nehmen die Sturzfluten Feinmaterial und Geröll auf, das im Ala Archa Nationalpark auf 1.600 Meter Höhe zu wildbachartigen Geröll-Vermurungen führt.



Da die Grundstückspreise in den durch frühere Überschwemmungen verwüsteten Bereichen des Archa-Tales stark gefallen sind, erfolgt bei steigendem Bevölkerungsdruck in der Hauptstadt Bishkek ein Zuzug kirgisischer Familien in die latent durch Hochwässer gefährdeten Überschwemmungsbereiche von Baitik. Bei einer Alarmierung der Bevölkerung, wie z.B. während der Überschwemmung 2003, 2004 oder der jüngsten Flut vom 31. Juli 2012, sind es vor allem die überwiegend im Haushalt tätigen Frauen, die unter Mitnahme von Dokumenten, sowie Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Zelten und Hausrat für mehrere Tage sich und ihre Kinder auf die umliegenden Berge in Sicherheit bringen müssen. Geeignete Frühwarnsysteme auf der Basis hydrometeorologischer Daten sowie eine effektive Instandhaltung bestehender Retentionsbecken zur Reduzierung des Gefährdungspotenzials wurden sowohl im Gelände mit den Betroffenen als auch während des Seminars mit Vertretern des Katastrophenschutzministeriums diskutiert.

Aussichten

Hermann Häusler freut sich über die gute Zusammenarbeit mit den kirgisischen KollegInnen, und auch darüber, dass das EU-Projekt konkrete Anwendung findet: "Die Ergebnisse des EU-Projekts werden in die Datenbank des Zentralasiatischen Forschungsnetzwerks CAREN (Central Asian Research and Education Network) integriert und stehen somit künftigen Forschungen über den Impact des globalen Klimawandels und seiner regionalen Auswirkung in Zentralasien zur Verfügung."

Ao. Univ.-Prof. Dr. Hermann Häusler vom Department für Umweltgeowissenschaften leitet das interdisziplinäre zweijährige EU-Projekt "Impact of climate change and related glacier hazards and mitigation strategies in the European Alps, Swedish Lapland and the Tien Shan Mountains, Central Asia (EURAS-CLIMPACT), das noch bis 30. November 2012 läuft.


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