Stadtforschung in Nordkorea

"Das Unbekannte faszinierte mich schon immer" – in seinem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigt sich Rainer Dormels vom Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien mit Verstädterungsprozessen in Nordkorea und wagt damit einen Blick hinter die Fassaden der restriktiven Volksrepublik.

"Forschung in Nordkorea ist nach wie vor extrem schwierig", gibt der Ostasien-Experte Rainer Dormels zu bedenken. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Korea in eine sowjetische und eine amerikanische Besatzungszone aufgeteilt. Der in den 50er Jahren wütende Koreakrieg besiegelte schlussendlich die Teilung auf der koreanischen Halbinsel. In Nordkorea spukt seitdem der "Geist 'des ewigen Führers' Kim Il-Sungs", wie Dormels es formuliert. Die Bevölkerung lebt in Diktatur und rigoroser Abschottung von der restlichen Welt. "Als Forscher klammert man sich da an jeden Strohhalm", erklärt der Wissenschafter.

Korea "vernetzt": Das internationale Projekt "Vienna Digital Korean Studies Platform" unter der Leitung von Rainer Dormels vereint internationale Forschungsarbeiten rund um Korea – von Subtexten in Volksliedern bis zu Produkten "Made in Korea."

Für das Forschungsnetzwerk "Vienna Digital Korean Studies" rief Rainer Dormels u.a. das Projekt "North Korea's Cities" ins Leben, dessen Ergebnisse er bereits Anfang 2014 in seinem gleichnamigen Buch publizierte. Im Zuge seiner Forschung zum Projekt ging er sowohl qualitativ als auch quantitativ vor, durchforstete Online-Foren, studierte Bücher und Enzyklopädien. Doch: "Offizielle Angaben aus Pjöngjang sind mit Vorsicht zu genießen", zweifelt Rainer Dormels die Glaubwürdigkeit der diktatorischen Regierung an.


Forschen vor Ort

Zweimal hatte er bereits die Möglichkeit, nach Nordkorea zu reisen: Einmal 2006 zum Anlass einer Kunstausstellung des italienischen Künstlers Luca Faccio in Pjöngjang, zuletzt 2011 anlässlich des 100. Geburtstags Kim Il-Sungs. Vor Ort fotografierte er Städte aus dem Fenster des fahrenden Zuges heraus, analysierte die lückenhafte Übersetzung des offiziellen Dolmetschers und durchforstete Buchläden nach Karten und Plänen.

"Die nordkoreanischen Begleiter passen auf, dass westliche BesucherInnen keine 'unerwünschten' Aufnahmen machen. Bei der Ausreise aus Nordkorea wird das Bildmaterial kontrolliert, teilweise sogar gelöscht", erzählt Rainer Dormels.

Endprodukt der aufwändigen Forschungsarbeit ist die Monographie "North Korea's Cities", die auf rund 500 Seiten seine Ergebnisse zusammenfasst. Während seiner Untersuchung konzentrierte sich Rainer Dormels auf die 27 Städte Nordkoreas – von der 116.000-Einwohner-Stadt Kusong bis zur Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang. Typographisch widmet er jeder dieser Städte einen Abschnitt, in dem Industrieverteilung, Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Regionen, Wachstum und Verstädterungsprozesse behandelt werden.


Datensammeln auf Umwegen

"Die ländlichen Gebiete werden 'Ri' genannt. Mit der Zeit verstädterten sich einige von ihnen zu 'Dong', andere 'Dong' wiederum spalteten sich und so entstanden weitere 'Dong', was als ein Indiz für einen Verstädterungsprozess gedeutet werden kann", erklärt der Korea-Experte. Mit Hilfe einer Analyse der Verteilung der Dong innerhalb der Städte wurde nach Nebenzentren abseits der Stadtzentren gesucht. Diese stehen oftmals in einem Zusammenhang mit der ansässigen Industrie, um die sich Arbeiterbezirke gebildet hatten. "So können wir indirekt Rückschlüsse auf die Bevölkerungsentwicklung ziehen – stadthistorische Vorgänge also, für die es ansonsten keine verlässlichen Zahlen gibt", erklärt Dormels.

Die Karte zeigt Anju, eine der ältesten Städte Nordkoreas. Nach 1900 wurde unter japanischer Anleitung eine Eisenbahn gebaut und es entstand entlang der Schienen die Stadt Sinanju – Koreanisch für "neues Anju". Rainer Dormels betrachtet die Stadtentwicklung Nordkoreas in einem historischen Kontext.

Eine Zukunft im Kaffeesatz


Das Teilprojekt "North Korea's Cities" ist eine Pionierarbeit in Sachen Stadtforschung: "Es gibt bisher keine andere Arbeit, die versucht hätte, mit ähnlichen Methoden Aussagen über die Stadtentwicklung Nordkoreas zu treffen", so Rainer Dormels. Ob sich das Land in Zukunft für die Wissenschaft öffnen wird, ist unklar: "Eine Prognose über eine politische Veränderung in Nordkorea wäre wie Kaffeesatzlesen", sagt der Wissenschaftler.

Er und sein Team an der Universität Wien möchten mit ihrem Forschungsprojekt quantitativ belegbare Aussagen sammeln und Material für weitere Auseinandersetzungen bereitstellen: "Forschung muss Fragen nicht immer ganz und gar beantworten, sondern kann auch Neue aufwerfen."

Erster Professor für Koreanologie

Rainer Dormels studierte Geographie und Religion auf Lehramt in Köln. Ein koreanischer Mitstudent weckte in den 80er Jahren sein Interesse an Ostasien. "Kaum zu glauben, aber wahr: Er zeigte mir, wie einfach die Schriftzeichen sind", erzählt der mittlerweile fließend Koreanisch sprechende Wissenschafter. Er besuchte daraufhin Sprachkurse, zog für seinen Master nach Seoul und hielt sich auch während seiner Dissertation zu Forschungszwecken hauptsächlich in Korea auf. 2003 erfolgte der Ruf der Universität Wien: Rainer Dormels war damit der erste Professor für Korean Studies im Wiener Lehrbetrieb. (hm)

Das Projekt "Vienna Digital Korean Studies Platform" läuft bis 2016 und wird von der Academy of Korean Studies finanziert und regelmäßig evaluiert. ForscherInnen der Universität Wien (Univ.-Prof. Dr. Rainer Dormels, Univ.-Ass. Mag. Dr. Andreas Schirmer, Mag. Ji-Young Choi, Bakk.), der Central European University in Budapest (Prof. Dr. Matteo Fumagalli, Prof. Dr. Youngmi Kim) und der Sofia University (Prof. Dr. So Young Kim) arbeiten an unterschiedlichen Subprojekten, veranstalten regelmäßig Workshops, Symposien und stellen Material digital zur Verfügung.