"Meine Forschung": Ghana und Südkorea im globalgeschichtlichen Vergleich

Ghana und Südkorea waren vor 60 Jahren hinsichtlich Wirtschaftskraft und Humanressourcen vergleichbare Staaten. Heute ist Südkorea eine Wirtschaftsmacht, während Ghana als "Mitteleinkommensland" eingestuft wird. Wie kam es dazu? Das untersucht Marjan Baier in seiner Dissertation an der Universität Wien.

Ghana und Korea waren über einen unterschiedlich langen Zeitraum von Kolonialismen geprägt, die die Ausrichtung dieser Staaten in der Weltwirtschaft beeinflusst haben. Die jeweiligen kolonialen Systeme regelten den Warenaustausch und stellten in einer Herrschaftsbeziehung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten die Anknüpfung an den Weltmarkt sicher. "Der Zweite Weltkrieg führte zum Zusammenbruch dieser Wirtschaftsordnung; das Interesse der Industrienationen, die wirtschaftlichen Beziehungen mit den ehemaligen Kolonialländern dennoch aufrechtzuerhalten, blieb aber auch danach weiter bestehen", erklärt Marjan Baier, Doktorand am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien.

Im uni:view-Dossier "Meine Forschung" stellen DoktorandInnen der Universität Wien ihre Forschungsprojekte vor. Das Dossier läuft in Kooperation mit dem DoktorandInnenzentrum.


Begleitend ab den 1950er Jahren formierte sich das Fach "Entwicklungsforschung" als innovative Wissenschaftsdisziplin, die es zum Ziel hatte, ehemaligen Kolonialländern wie Ghana und Südkorea zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung zu "verhelfen". "Aus der Sicht von Entwicklungsexperten war die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes von nun an ein Wettbewerbsfaktor – in Hinblick auf das Ziel, den Rückstand gegenüber wirtschaftlich führenden Nationen aufzuholen", erklärt Baier, der im Rahmen seiner von Walter Schicho betreuten Dissertation die "mehr oder weniger erfolgreich" an diesem Entwicklungswettbewerb partizipierenden Länder Ghana und Südkorea vergleicht.

Ein neues, modernes Gebäude entsteht für den Flughafen in Tamale, der Hauptstadt des nördlichen Ghanas. (Quelle: Willies E. Bell / Efua Sutherland 1961: The Roadmakers. A picture of Ghana)


Der Entwicklungsstaat als zu vergleichender GegenstandDabei untersucht der Nachwuchswissenschafter die staatliche Struktur von Ghana und Südkorea unter der Perspektive eines Entwicklungsstaats. Der Staat wird als bedeutendster Akteur angesehen, wenn es darum geht, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu steuern, und steht im Zentrum des Erkenntnisinteresses: Zu unterschiedlichen Zeiten angewendete Instrumente wie beispielsweise rigide Wirtschaftsplanung, Implementierung von Entwicklungsplänen, Gründung von Finanzinstitutionen oder die gezielte Schaffung von Absatzmärkten sollen die Besonderheiten der Entwicklungsstrategien von Ghana und Südkorea sichtbar und miteinander vergleichbar machen.

Mit der Fertigstellung dieser Hängebrücke im Jahre 1973 wurde die Insel Namhae-gun mit dem Festland verbunden. (Quelle: Wonderful Korea 1973)


Da diese Maßnahmen in einem Zeitraum von 1910 bis 1980 untersucht werden, kommt der Phase des Kolonialismus, den die beiden Ländern ausgesetzt waren, in seinem Dissertationsprojekt eine besondere Bedeutung zu. "Diese Phase ist für mich ein wesentlicher Ansatzpunkt, um die unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen beider Staaten erklärbar zu machen", so Baier. Dabei soll auch der kolonialwirtschaftliche Einfluss auf den später unabhängigen Entwicklungsstaat überprüft werden. Die aus dieser entwicklungshistorischen Aufarbeitung gewonnenen Erkenntnisse zeigen für Ghana und Südkorea unterschiedliche staatliche Entwicklungsstrategien auf, die in weiterer Folge im Rahmen der Dissertation verglichen werden.Der Vergleich als Methode in der Globalgeschichte In Europa betrachteten die Kolonialmächte die Geschichtswissenschaft und im Besonderen den Vergleich als ideologisches Mittel, um die eurozentristische Sichtweise einer Universalgeschichte festzuschreiben. Aller "Negativ-Beispiele" zum Trotz kommt es in der Globalgeschichte – und wie aktuelle Forschungsarbeiten belegen – zu einer Renaissance des historischen Vergleiches. "Freilich ohne in diese veralteten Denkmuster zu verfallen", erklärt der Nachwuchswissenschafter.

Bereits in seiner Diplomarbeit, die 2010 im Südwind-Verlag veröffentlicht wurde, konnte Baier aufzeigen, dass die Methode des Vergleichs zu neuen interessanten Einsichten verhelfen kann: Beispielsweise lässt sich bei einer Zäsur von internationaler Bedeutung, wie der Weltwirtschaftskrise von 1929, aufzeigen, dass Korea plötzlich einer veränderten japanischen Kolonialpolitik ausgesetzt war. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt Korea nicht mehr die Aufgabe einer klassischen Kolonie. Ghana wurde hingegen durch Großbritannien kontinuierlich auf die Rolle eines Rohstofflieferanten festgelegt.

Schon im Rahmen seiner Diplomarbeit, die im Südwind-Verlag veröffentlicht wurde, beschäftigte sich Marjan Baier mit dem entwicklungsstrategischen Vergleich der Länder. Weitere Informationen


Eine weitere Zäsur von zunächst regionaler Bedeutung ist der Koreakrieg von 1950 bis 1953. Während die Auswirkungen für Korea desaströs waren, führte dieses Ereignis an den internationalen Märkten zu einem Anstieg der Rohstoffpreise. Für Ghana, das nach wie vor vom Export von Rohstoffen abhängig war, trug dieser Krieg zu wirtschaftlichen und sozialen Prosperität in den 1950er Jahren bei.

Mag. Marjan Baier, geb. 1983 in Wien, schreibt seine Dissertation mit dem Titel "Der Entwicklungsstaat im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis: Ghana und Südkorea im globalhistorischen Vergleich" am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien. Er beschäftigt sich mit Methoden der Globalgeschichte, mit Kolonialismusforschung und historischen Entwicklungstheorien.

Buchtipp:
Baier, Marjan (2010). Vom Kolonialdiskurs zum Entwicklungsdispositiv : Ghana und Südkorea im entwicklungsstrategischen Vergleich. Wien: Südwind-Verlag