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Literarische Geisterjagd

Daniela Hermetinger (Redaktion)
9. Jun 10
Das "Fantomatische" in der zeitgenössischen französischen und italienischen Literatur beschäftigt die Elise-Richter-Stipendiatin Jutta Fortin. Der Schrecken des Holocaust, die Beziehung des Kindes zur depressiven Mutter oder die Trauer über einen persönlichen Verlust: In den Gesamtwerken ausgewählter SchriftstellerInnen spürt die Romanistin Traumata auf, die sich "geisterhaft" in deren (Auto-) Fiktionen einnisten.

"Das Fantomatische verstehe ich als literarische Reaktion auf historische und individuelle traumatische Erfahrungen. Es nistet sich fragmentarisch in eine Narration ein und jagt einem anderen - im Vordergrund stehenden - Text geisterhaft nach", erklärt Jutta Fortin vom Institut für Romanistik. In ihrem vierjährigen Habilitationsprojekt "Verschwinden, Fotografie und das Fantomatische" untersucht die Elise-Richter-Stipendiatin das Überleben und Keimen literarischer Geisterfiguren - die "Spektralität" - u. a. im Werk der zeitgenössischen französischen und italienischen AutorInnen Alain Fleischer, Camille Laurens, Sandro Veronesi und Salvatore Mannuzzu.

Das Trauma der Vernichtung

Im Fall von Alain Fleischer spielen privates und historisches Trauma zusammen. Fleischer kommt 1944 in Paris auf die Welt. Im selben Jahr wird ein Teil seiner Familie ungarischer Herkunft nach Auschwitz deportiert. Zum Thema im Werk Fleischers werden diese Begebenheiten allerdings erst in seinem jüngsten Roman. Dennoch ist das Trauma der Vernichtung und des Verlusts auch zuvor präsent. Die Romanistin illustriert: "Das Fantomatische ist etwas, das zu arbeiten beginnt und erst später zum richtigen Thema wird. Bei Alain Fleischer beginnt dieser Prozess schon in seinem ersten Buch. Auf den letzten Seiten schildert er seine Ankunft in Budapest. Auf einer Tafel im Friedhof entdeckt er den Namen 'Fleischer'. Was es damit auf sich hat, wird zu diesem Zeitpunkt nicht weiter erklärt."

Von Märchen und Mythen …

Im Roman "Ni toi ni moi" der Schriftstellerin Camille Laurens schleicht sich das Fantomatische in Form von Märchen und Mythen in die Erzählung, in der sich die Autorin mit missglückten Liebesbeziehungen auseinandersetzt. In diesem Fall ist es die "Schneekönigin" von Hans Christian Andersen. Das Märchen handelt von der Trennung zweier Kinder. Das Mädchen begibt sich auf die Suche nach ihrem Spielgefährten. Das Ende ist ein glückliches, denn die Kinder finden einander wieder.

Die Romanistin erklärt: "Für die Interpretation des Romans sind diese Verweise auf das Märchen wichtig. Sie sind nicht allzu leicht zu finden, da nirgends die Geschichte der Schneekönigin vordergründig erzählt wird. Vielmehr sind es sporadische Anspielungen - beispielsweise die Erwähnung des Namens der Protagonistin: 'Sie gibt nicht auf, wie Gerda …' -, die es zu deuten gilt. Das Werk wird dadurch auf eine positive Art 'verstrahlt'." Gleichzeitig ist relevant, dass diese Geschichte einem Märchen und nicht der Wirklichkeit entstammt.

… zur toten Mutter

Neben den Theorien der Intertextualität - sie erklären die versteckte Anwesenheit eines Texts in einem anderen - beschäftigt sich die Romanistin auch mit dem psychoanalytischen Konzept der "toten Mutter" von André Green. Dort wird auf eine depressive Mutter Bezug genommen, die zwar lebt, in der psychischen Realität des Kindes aber tot ist. Diese Verinnerlichung des Verschwindens und der Trauer spiegelt sich auch in literarischen Werken wider. Fortin verdeutlicht: "Bei Fleischer passiert das auf eine besonders interessante Weise. Er nimmt auf das politische und kulturelle Europa Bezug, das eine solche Mutterrolle verkörpern könnte. Im Hinblick auf die Tragödie des Holocausts und nachfolgende Entwicklungen bleibt diese aber unerfüllt. Die Mutter ist tot, das Heim verloren."

Der mysteriöse Charakter einer Fotografie

In den ausgewählten Werken nimmt die Fotografie einen besonderen Platz ein. Die SchriftstellerInnen beschreiben Fotografien, bilden sie ab oder bedienen sich einer fotografischen Metaphorik. Es sind insbesondere die Vorgänge der analogen Fotografie - ein (latentes) Bild ist vorhanden, wird aber erst durch die Entwicklerflüssigkeit sichtbar - die im Hinblick auf das Spektrale faszinieren: "Wie ein Same, in dem Leben ruht, kann ein Bild ewig latent bleiben, bevor es entwickelt wird. Selbst 'fertig' hat das Bild mysteriösen Charakter: Es stellt Vergangenes dar, Tote werden abgebildet, bei den BetrachterInnen ruft es eine Reihe von Assoziationen hervor. Diese Vielschichtigkeiten im Werk der AutorInnen gilt es aufzudecken", schließt Fortin ab. (dh)

Dr. Jutta Fortin führt ihr Habilitationsprojekt "Verschwinden, Fotografie und das Fantomatische" im Rahmen des Elise-Richter-Programms des FWF am Institut für Romanistik der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät durch.