Die Petritsch Papers – Archiv einer Demokratisierung

Wolfgang Petritsch war von 1999 bis 2002 Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen für Bosnien und Herzegowina. Ausgestattet mit "autokratischen" Vollmachten, überwachte und forcierte er die Demokratisierung des Landes. Ein aktuelles Forschungsprojekt widmet sich unerforschten Quellen dieser Zeit.

Das Friedensabkommen von Dayton beendete 1995 den Krieg in Bosnien und Herzegowina. Nach über drei Jahren blutiger Auseinandersetzungen entlang politisch instrumentalisierter ethnischer und geographischer Bruchlinien standen die Menschen in der Region am Anfang eines langen Weges hin zu Wiederaufbau und Demokratie. Um demokratische Verhältnisse sowie Strukturen zu konsolidieren und den Frieden im Land aufrecht zu erhalten, installierten die Vereinten Nationen für Bosnien und Herzegowina das Amt des Hohen Repräsentanten. Dieser sollte die Umsetzung des Abkommens von Dayton garantieren und war zu diesem Zwecke mit weitgehenden, "autokratischen" Vollmachten ausgestattet.

Der Hohe Repräsentant traf Entschlüsse bzw. "Decisions", die auf allen Ebenen, nämlich Bundes-, Entitäts-, Kantonal- und Kommunalebene gleichermaßen umzusetzen waren. Er konnte – und kann nach wie vor – Geldmittel zuweisen oder entziehen, vor Parlamentswahlen die KandidatInnenliste der jeweiligen Parteien mitbestimmen und per Bescheid Regierungsmitglieder mit sofortiger Wirkung des Amtes entheben wie auch parlamentarisch beschlossene Gesetze annullieren – sofern diese den bosnischen Friedens- und Demokratisierungsprozess behindern.

Der 1947 geborene Diplomat und Politiker Wolfgang Petritsch, war vor seiner Tätigkeit als Hoher Repräsentant in Bosnien und Herzegowina auch UN-Chefverhandler bei den Friedensverhandlungen von Rambouillet 1999, außerdem Botschafter in Belgrad und zuletzt österreichischer Botschafter bei den Vereinten Nationen. In den 70er und 80er Jahren erfuhr er seine politische Prägung als Sekretär von Bruno Kreisky, dessen Biografie Petritsch 2011 veröffentlichte. (Foto: Manfred Werner/Tsui/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Wolfgang Petritsch – österreichischer Diplomat und Hoher Repräsentant

Von 1999 bis 2002 bekleidete der österreichische Diplomat Wolfgang Petritsch das Amt. Diesem Abschnitt der jüngeren Zeitgeschichte widmet sich das Forschungsprojekt "Durch Autokratie zur Demokratie? Der Hohe Repräsentant von Bosnien und Herzegowina (1999 bis 2002)", das vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank gefördert und im Rahmen des von Rainer Gries geleiteten Franz Vranitzky Chair for European Studies (FVC) durchgeführt wird. Die sogenannten Petritsch Papers, die am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien archivierten Korrespondenzen und Kommunikationen des Diplomaten, stehen im Mittelpunkt der diskursanalytisch angelegten Forschungen zur Rekonstruktion der Politik und Kommunikationen des Hohen Repräsentanten.

Der Franz Vranitzky Chair for European Studies ist eine transdisziplinäre Professur an der Universität Wien, die an zwei Instituten angesiedelt ist: Am Institut für Zeitgeschichte und am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Mit dieser Einrichtung möchten die beiden Institute ihre Zusammenarbeit in Lehre und Forschung intensivieren und nachhaltig ausbauen. Der Historiker und Kommunikationswissenschafter Rainer Gries ist seit Oktober 2014 Inhaber des Franz Vranitzky Chair for European Studies.

Eine umfangreiche Materialsammlung für zeitgeschichtliche Forschung

"Schon während seiner Amtszeit", berichtet die Leiterin des Projektes, Silvia Nadjivan, "hat Wolfgang Petritsch laufend publiziert und dabei seine Prämissen für das Amt des Hohen Repräsentanten öffentlich und in privaten Korrespondenzen vorgestellt und reflektiert." So entstand eine Fülle an Material, auf das die Forscherin und ihr Team zugreifen können. Die Petritsch Papers umfassen formelle sowie informelle Korrespondenzen des Diplomaten, Presseartikel, Publikationen, Faxe, Briefe oder auch Verordnungen, die im Laufe seiner Amtszeit von ihm archiviert wurden.

Anhand dieser Quellen begibt sich das Forschungsteam auf Spurensuche, um die Zeit nach der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens wie auch Petritschs Aktionsradien, Kommunikationsstrategien, -ebenen, -strukturen und -netzwerke zu untersuchen. Vorrangiges Ziel bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der umfangreichen Materialsammlung ist es, neue Herangehensweisen, Erkenntnisse und Perspektiven zu dieser Zeit zu generieren und für zukünftige Forschungsprojekte verwendbar zu machen. Das Team Silvia Nadjivan, Eva Tamara Asboth und Gerulf Hirt liefert somit einen wichtigen Beitrag zur zeitgeschichtlichen und kommunikationshistorischen Grundlagenforschung. Ergänzend recherchieren die ForscherInnen in relevanten Archiven wie dem UN-Archiv in New York und führen ZeitzeugInnen- und ExpertInnen-Interviews in Sarajevo, Banja Luka, London und Madrid.

Am 20. Juni organisierte der Franz Vranitzky Chair for European Studies (FVC) ein Kick-off-Event, auf dem sich Südosteuropa-ExpertInnen teils kontroversiell zur Legitimität von internationalen Interventionspolitiken austauschten. Ein Aufschnüren des Dayton-Vertrags hielten jedoch alle für denkbar, so auch Petritsch, der die Papers dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien zur Verfügung gestellt und somit das Forschungsprojekt ermöglicht hat. (Foto: Matthias Asboth)

Aufbau von Staat und Demokratie

Wolfgang Petritsch und sein MitarbeiterInnenstab standen vor einer Mammutaufgabe. Es galt, einen neuen Staat aufzubauen, auf allen Ebenen in Gang zu setzen und eine funktionsfähige Demokratie sowie Rechtsstaatlichkeit sicherzustellen. Neben dem Wiederaufbau parlamentarischer Strukturen und der öffentlichen Verwaltung war die Rückführung von ehemals geflüchteten oder vertriebenen Menschen eine zentrale Herausforderung für die lokalen Behörden und für die Administration des Hohen Repräsentanten. Deren politische sowie sozioökonomische Reintegration war eines der primären Ziele des Diplomaten. Diese mussten über ihre sozialen Ansprüche und vor allem Eigentumsrechte informiert werden, weshalb Petritsch laufend in Kontakt mit den örtlichen Medien stand. Er betrieb umfassend Agenda Setting mit dem Ziel, eine informierte Öffentlichkeit zu schaffen – eine Grundlage demokratischer Gemeinwesen.

Ein Amt mit komplexer Verantwortung

"Petritsch zählte sicherlich zu den Aktivsten in der langen Reihe von Hohen Repräsentanten in Bosnien und Herzegowina, er schöpfte seine umfassenden Vollmachten auch ganz aus", sagt die Projektleiterin und betont: "Bei diesem Amt handelt es sich um ein schwieriges Unterfangen, verbunden mit großer Verantwortung und weitreichenden Folgen." Den komplizierten Schritt von autokratischer Verwaltung hin zu demokratischer Selbstverantwortung und institutioneller Autonomie zu gehen, erfordert ein umsichtiges Handeln der Entscheidungsträger. "Es hängt daher sehr viel von der Person ab, die das Amt des Hohen Repräsentanten inne hat", erklärt Nadjivan.

Anliegen der "normalen" BürgerInnen

Der Österreicher Wolfgang Petritsch brachte die notwendige Sensibilität für die Menschen und die Region mit. Das lag nicht zuletzt an seinen Sprachkenntnissen und seiner Herkunft: Petritsch entstammt der slowenisch-sprachigen Minderheit in Kärnten. Dazu kommen seine langjährigen Erfahrungen in der Politik und internationalen Diplomatie. Petritsch genoss (und genießt) weiterhin hohes Ansehen sowohl auf internationalem Parkett, in universitären Kreisen als auch bei der Bevölkerung vor Ort. Der Hohe Repräsentant verlegte während seiner Amtszeit seinen Wohnsitz nach Sarajevo, wo er keine Tendenzen zeigte, sich von den BewohnerInnen der Stadt abzugrenzen. Man konnte ihn in Cafés und kleinen Lokalen in der Altstadt antreffen und ansprechen.

Unzählige Briefe in den Petritsch Papers deuten darauf hin, dass er die Anliegen der "normalen" BürgerInnen sehr ernst nahm. Nadjivan: "Mit der Erforschung der Petritsch Papers lässt sich jedenfalls eine neue Perspektive auf die jüngere Geschichte dieser Region generieren, die uns helfen kann, die gegenwärtigen Entwicklungen in Sachen Interventionspolitik und -kommunikation besser zu verstehen." Somit kann das Team auch einen wertvollen Beitrag zu Fragen der Konfliktlösung und Friedenspolitik für aktuelle Krisengebiete leisten. (sl)


Das Forschungsprojekt "Durch 'Autokratie' zur Demokratie? Der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina (1999 bis 2002)" läuft von April 2017 bis September 2018 am Franz Vranitzky Chair for European Studies am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Projektleiterin ist Frau Mag. Dr. Silvia Nadjivan, ProjektmitarbeiterInnen sind Mag. Mag. Eva Tamara Asboth und Mag. Dr. Gerulf Hirt. Gefördert wird das Projekt vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank.