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Als Wien im "Kalten Krieg" zum Kompromiss wurde

Marion Wittfeld (uni:view)
11. Sep 12
1953 hielt US-Präsident Eisenhower vor der Generalversammlung der UN eine Rede, die dazu führte, dass sich 1957 die Internationale Atomenergie-Organisation an der Wiener Ringstraße ansiedelte. Die Frühgeschichte der IAEO erforschen erstmals die ZeithistorikerInnen Oliver Rathkolb und Elisabeth Röhrlich.

In dem sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschärfenden Ost-West-Konflikt, dem sogenannten "Kalten Krieg", stellte die Nukleartechnologie für die rivalisierenden West- und Ostmächte ein Machtinstrument dar. Der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower trat dem mit seiner Rede "Atoms for Peace" am 8. Dezember 1953 entgegen und sprach sich für eine friedliche Nutzung und  internationale Zusammenarbeit aus. Dreieinhalb Jahre später wurde die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) gegründet, die im selben Jahr ihren Verwaltungssitz in Wien bezog.

Forschungslücken schließen

Erstmals steht die Frühgeschichte der IAEO nun im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts. "Die klassische Forschung zur Frühgeschichte konzentrierte sich bisher auf die Zeit der Atombombe und der frühen Nachkriegszeit nach 1945. Erst langsam vollzieht sich ein Paradigmenwechsel", erläutert Projektleiter Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte das Forschungsdesiderat, das er mit Projektmitarbeiterin Elisabeth Röhrlich im Rahmen des 2011 begonnenen ÖNB-Projekts schließen möchte. "Die globalgeschichtlich orientierte Institutionengeschichte steckt derzeit noch in den Kinderschuhen", fährt der Historiker fort: "Sie bietet aber einen spannenden Weg,  diese Themen aus einer neuen Perspektive heraus zu betrachten."

Was ist die IAEO?

Die IAEO ist eine autonome zwischenstaatliche Organisation zur sicheren und friedlichen Nutzung der Kernenergie, die durch ein separates Abkommen mit den Vereinten Nationen verbunden ist. Ihre Aufgaben liegen beispielsweise in der Kontrolle der sicheren Verwendung und des sicheren Verbleibs von Kernmaterial sowie in Hilfsleistungen durch kerntechnische Anwendungen in Medizin und Landwirtschaft in Entwicklungsländern. Derzeit umfasst sie 151 Mitgliedsstaaten. Der Wiener Verwaltungssitz zog 1979 vom alten "Grand Hotel" am Kärntner Ring in das Vienna International Centre. Regionale Büros befinden sich zudem in Genf, New York, Toronto und Tokio.


Kompromisslösung Wien

Eine der spannenden Fragen rund um die Frühgeschichte der IAEO ist sicherlich, weshalb Wien als Sitz der Organisation ausgewählt wurde. Oliver Rathkolb setzte sich mit dieser Frage bereits in seiner Habilitation über Österreich und den USA im Kalten Krieg auseinander. Für ihn ist das Ringen um den Standort ein anschauliches Beispiel für Verhandlungen im "Kalten Krieg", denn eigentlich präferierten die UN und ein Teil der westlichen Mächte Genf: "Die Entscheidung für Wien war letztendlich ein Kompromissgeschäft zwischen den USA und der Sowjetunion. Die Sowjetunion wollte Wien wegen seiner Nähe zum Eisernen Vorhang, die Amerikaner stimmen letztendlich zu, setzen im Gegenzug aber einen amerikanischen Direktor durch." Im Rahmen des Forschungsprojekts wertete Elisabeth Röhrlich umfassende Bestände des UN Archivs in New York aus, die neue Einblicke in den internationalen Entscheidungsprozess zur IAEO-Ansiedlung in Wien geben konnten.

Die Erforschung der Gründungsgeschichte bis Ende der 1950er Jahre bildet die erste Projektphase. In einem anschließenden Projekt soll der Zeitraum 1960 und 1970 folgen.

Unerschlossenes Archivmaterial

Hauptquellenfundus ist das Archiv der IAEO in Wien. Noch nie wurde dieses umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet. Oliver Rathkolb erläutert die Quellenlage: "Vor allem die amerikanischen und britischen Unterlagen sind gut erschließbar. Im Gegensatz dazu sind beispielsweise die russischen nur fragmentarisch vorhanden." Als zusätzliche Quelle dienen dem Projekt-Team Privatnachlässe: "Der Nachlass des ersten Direktors der IAEO – William Sterling Cole – in den USA ist beispielsweise relativ gut erschlossen. Gerade bei heiklen Verhandlungen wurden die offiziellen Protokolle oftmals geschönt und geben Entscheidungsdiskurse reduziert wieder. Hier helfen private Aufzeichnungen." In der nächsten Projektphase sind zudem ExpertInneninterviews mit ehemaligen führenden MitarbeiterInnen der Organisation geplant.

IAEO im "Herzen" Wiens?

Auch wenn die IAEO anfangs mit ihrem Standort im "Herzen Wiens" lag, bedeutete das noch lange nicht, dass sie es auch bei den WienerInnen war. Im Gegenteil, viele Menschen waren sich der Anwesenheit der Organisation in ihrer Stadt gar nicht bewusst. "Das geht bis in die Gegenwart", stellt Oliver Rathkolb fest, und ergänzt: "Wien beheimatet inzwischen zahlreiche riesige internationale Organisationen, die aber alle bislang kein Teil der 'Wiener Mentalität' bzw. der österreichischen Identitätskonstruktion geworden sind." (mw)

Das ÖNB-Projekt "The Early History of the International Atomic Energy Agency (IAEA)" läuft von August  2011 bis August 2013 unter der Leitung von Univ.-Prof. Mag. DDr. Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte. Projektmitarbeiterin ist Dr. Elisabeth Röhrlich, ebenfalls vom Institut für Zeitgeschichte. Kooperationspartner ist das "Nuclear Proliferation International History Project (NPIHP)" des Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington, DC.